Deutsch-Stunde
Die Chronik der Familie Joel

Von Steffen Radlmaier
(aus: "Rolling Stone" Nr. 3/1996)

Bislang kannte man ihn nur aus der Show-Arena. Doch als Billy Joel im letzten Jahr zu einem überraschenden Auftritt nach Nürnberg kam, enthüllte er Herkunft und Schicksal seiner Familie: jüdische Fabrikanten, die 1938 vor den Nazis aus der Dürer-Stadt fliehen mußten.

Anfangs wollten es weder Bekannte noch Kollegen so richtig glauben: Mir war nämlich bei Recherchen zu einer völlig anderen Geschichte zufällig zu Ohren gekommen, daß die Familie des US-Rockstars Billy Joel ausgerechnet aus Nürnberg stammen sollte, der Stadt, die sich seit Albrecht Dürer keines Bürgers von Weltruf mehr rühmen konnte. Meine weiteren Recherchen verliefen allerdings nicht gerade vielversprechend. In amerikanischen Zeitungsartikeln und Rock-Lexikon-Einträgen wurden zwar Joels deutsche Wurzeln bestätigt, doch immer war diesbezüglich von deutschstämmigen Juden aus dem Elsaß die Rede. Offensichtlich hatte man aber in den USA das fränkische Dorf Colberg mit dem elsässischen Colmar verwechselt. Und im eher provinziellen Nürnberg war Billy Joel bis dato auch noch nicht aufgetreten.

Kaum zu glauben war daher auch die kurzfristige Ankündigung des Soldatensenders AFN im Sommer 1994, daß der Rock-Poet im Rahmen seiner "River Of Dreams"-Tournee ausgerechnet auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände ein exklusives Open-air-Konzert geben würde. Allerdings nur für amerikanische Armeeangehörige und unter Ausschluß der deutschen Öffentlichkeit. Eine absurde Konzert-Situation zwar, aber sicher von ähnlich großem Symbolwert wie der legendäre Auftritt von Bob Dylan, auch er ja jüdischer Herkunft, anno 1976 am ehemaligen Aufmarschort der Nazis. Einer mit einem US-Soldaten verheirateten Bekannten gelang es jedoch, mich dank ihrer ID-Card auf das hermetisch abgeriegelte Konzertgelände zu schmuggeln. Und tatsächlich waren, draußen auf den Stufen der Zeppelintribüne, auch nur ganz wenige deutsche Zaungäste versammelt.

"Ich hoffe, daß sich diese Nazi-Scheiße
niemals wiederholt." (Billy Joel)


Bei diesem Konzert hörte ich dann aus Joels eigenem Mund, daß seine Familie aus Nürnberg stammt. Ganz bewußt sagte er daher den Song "Vienna", der seinem Vater gewidmet ist, mit dem folgenden Satz an: "Ich hoffe, daß sich diese Nazi-Scheiße niemals wiederholt."

Ein cleverer Mitarbeiter des Nürnberger Presseamtes hatte meinen Bericht über Joels tatsächliche Herkunft gelesen und hatte nun die fixe Idee, den Musiker zur Gedenkfeier an das Kriegsende vor 50 Jahren in die Stadt seiner Väter einzuladen. Der Stadtrat Arno Hamburger, Vorsitzender der israelitischen Kulturgemeinde, stellte den Kontakt zu seinem alten Schulfreund Helmut Joel her, der in Wien lebt. In den folgenden Tagen und Wochen glühten dann die Drähte zwischen Deutschland und den USA - und zu guter Letzt passierte tatsächlich das, was niemand für möglich gehalten hatte: Der Weltstar Billy Joel gab sein Konzert-Debüt in Nürnberg.

In der Geschichte der Familie Joel
spiegelt sich die Geschichte dieses
Jahrhunderts auf besondere Weise.


Rückblende I: Die folgende Story spielt in Nürnberg und New York, in Berlin und Auschwitz, in Havanna und Wien. Sie handelt von einem amerikanischen Musiker - und sie handelt von deutscher Geschichte. Es geht um Erfolg und Mißerfolg, um Geschäftsmänner und Geschäftemacher, um Glück und Unglück, um Politik, Terror und Musik. In der Geschichte der Familie Joel spiegelt sich die Geschichte dieses Jahrhunderts auf besondere Weise. Und im Gegensatz zu vielen ähnlichen Geschichten hat diese hier sogar ein Happy-End.

Billy Joel hat ein ganz spezielles Verhältnis zu Deutschland. An die große Glocke hat er das jedoch nie gehängt. "Als ich in den 70er Jahren erstmals hierher kam, hatte ich schon ein komisches Gefühl. Das also war das Land, aus dem meine Familie stammt. Aber das war auch das Land, aus dem meine Familie von den Nationalsozialisten vertrieben worden war. Dann jedoch traf ich hier Leute, die genauso dachten wie die Menschen in den USA und die nichts mit den Nazi-Typen, wie ich sie aus Filmen kannte, gemein hatten. Ich sehe die Dinge heute nicht mehr schwarzweiß. Wir dürfen zwar nie vergessen, was in der Vergangenheit geschehen ist, aber wir müssen auch in die Zukunft schauen und reparieren, was kaputt gegangen ist. Vielleicht kann ja die Musik dazu ihren Beitrag leisten."

50 Jahre nach Kriegsende kam es dann in Nürnberg zu einem ungewöhnlichen Familientreffen. Billy Joel kam zu seinem ersten offiziellen Gastspiel in die Stadt. Charmant und witzig beantwortete er bei einer Pressekonferenz zunächst die Fragen der Journalisten und des Publikums - im Saal zugegen auch Vater Helmut und Billys Halbbruder Alexander Joel.

Rückblende II: In den 20er Jahren hatten sich der Nürnberger Karl Amson Joel und seine Frau 10.000 Reichsmark zusammengespart. Mit diesem bescheidenen Vermögen gründeten sie einen Wäscheversand. Ganz klein fing man an: Die Vier-Zimmer-Wohnung in der Uhlandstraße diente anfangs gleichzeitig als Büro und Firmensitz. Karl und Meta Joel machten alles selbst, packten die Ware von Hand ein und fuhren dann die Päckchen und Pakete zur Post, erst mit dem Leiterwagen, später mit dem Auto. - Das Geschäft florierte, und schon bald bezog die Wäschemanufaktur Karl Joel neue Geschäftsräume, wo man sogar eine eigene Näherei einrichtete. Das Angebot reichte von Bettwäsche über Schürzen und Hemden bis zu Arbeitskleidung. Hinzu kam die Konfektion. Als erstes Versandhaus Bayerns spezialisierte sich Joels Wäschemanufaktur in größerem Umfang auf Fertigkleidung. Drei Fließbänder brachten den Versand auf Touren, Dutzende von Näherinnen fertigten die Kleider in modernen Arbeitsräumen. Noch heute trifft sich in Nürnberg regelmäßig ein Kreis alter Damen, die vor 60 Jahren für Karl Joel gearbeitet und das Betriebsklima in bester Erinnerung haben.

Es hätte eine Firmen-Erfolgsgeschichte wie aus dem Bilderbuch werden können, wäre in Deutschland nicht bereits das dunkelste Kapitel der Geschichte angebrochen - wovon die Familie Joel in zweifacher Hinsicht betroffen war.

In kurzer Zeit hatte Joel es geschafft: Sein Versandhaus zählte neben Witt in Weiden und Schickedanz in Fürth zu den Großen der Branche. Es hätte eine Firmen-Erfolgsgeschichte wie aus dem Bilderbuch werden können, wäre in Deutschland nicht bereits das dunkelste Kapitel der Geschichte angebrochen - wovon die Familie Joel in zweifacher Hinsicht betroffen war: Karl Amson Joel war Jude, und er hatte sich als Firmensitz ausgerechnet Nürnberg ausgesucht, die Stadt des berüchtigten "Franken-Führers" Julius Streicher, der seit 1923 mit der Hetzschrift "Der Stürmer" seine Haßparole "Die Juden sind unser Unglück!" in ganz Deutschland verbreitete.

1923 ist auch das Jahr, in dem Helmut, das einzige Kind von Karl und Meta Joel, zur Welt kam. Er erinnert sich: "Man hat die Schimpfworte wohl gehört, aber man konnte doch nicht ahnen, wie das alles ausartet. Wir waren doch Deutsche wie alle anderen." Sein Vater aber erkannte die Nazi-Gefahr frühzeitig. In Berlin, so glaubte er, sei man vor den Haßtiraden Streichers sicher. Tatsächlich gelang es ihm, den Firmensitz 1934 - also ein Jahr vor dem Erlaß der sogenannten Nürnberger Gesetze, die die Juden- Diskriminierung legitimieren sollten - in die Reichshauptstadt zu verlegen. 160 Waggons mit Ware und Inventar wurden auf die Reise geschickt. Während dieser Zeit wurde Karl Joel dreimal verhaftet, kam aber dank seiner guten Beziehungen immer wieder frei. Die Firma bezog ein großes Gebäude im Berliner Osram-Komplex, die Näherei blieb in Nürnberg. Die Joels wohnten in einer geräumigen Villa in Charlottenburg, aber trotz anhaltenden geschäftlichen Erfolgs fühlten sie sich auch in Berlin zunehmend unwohler. Die Schikanen der Nazis wurden von Tag zu Tag schlimmer. Karl Joel mußte einen sogenannten Arier in die Geschäftsleitung nehmen, Kundenpakete wurden mit einem großen "J" (für Jude) versehen, und bald durfte man auch nicht mehr in Zeitungen inserieren.

Obwohl das Versandhaus weiter expandierte, sah Karl Joel sich schließlich gezwungen, mit seiner Familie in die Schweiz zu emigrieren. "Meine Eltern haben mich in ein Internat nach St. Gallen geschickt", erklärt Helmut Joel, der sich seinen fränkischen Dialekt bis heute bewahrt hat. "1938 sind sie dann überraschend bei mir aufgetaucht. Sie hatten sich noch Pässe ohne 'J' besorgen können, was ihnen wohl das Leben gerettet hat."

Profiteur der Nazi-Pogromhetze wird [im Falle der Joels] ein geschäftstüchtiger, junger Mann: Josef Neckermann, der spätere Herrenreiter und Versandhauskönig.

Profiteur der Nazi-Pogromhetze wird ein geschäftstüchtiger, junger Mann: Josef Neckermann, der spätere Herrenreiter und Versandhauskönig. Ihm war es in den 30er Jahren im heimischen Würzburg zu eng geworden, und daher suchte er nun in Berlin nach einem günstigen Schnäppchen. In Neckermanns Autobiographie "Erinnerungen" liest sich sein widerliches Geschäftsgebaren folgendermaßen harmlos: "Ich bat meinen Schwiegervater, sich umzuhören, ob nicht vielleicht irgendwo ein Versandhaus zum Verkauf anstünde. Etwa drei Millionen wollte ich dafür ausgeben. Brückner hatte sonst nichts zu tun und kümmerte sich nach wie vor rührend um das unternehmerische Fortkommen von Josef Neckermann. Nicht ganz uneigennützig, aber immerhin. So kam er mit den Bankhäusern Hardy & Co. sowie der Reichskredit ins Gespräch. Als Brückner eines Tages anrief und mir sagte, daß Karl Amson Joel seine Wäschemanufaktur und das Versandhaus verkaufen wollte, war ich Feuer und Flamme. Jahresumsatz etwa vier Millionen. Das war im Frühsommer 1938."

Für Neckermann erwies sich die Zwangslage Joels, der schon in die Schweiz emigriert war, als Glücksfall. So zahlte er etwa für das Inventar, das mit ca. 200.000 Reichsmark bewertet worden war, nur 5.300 Mark. Von dem vereinbarten Kaufpreis von 2,3 Millionen Mark bekam Karl Joel so gut wie nichts zu sehen, da man das Geld auf sein Sperrkonto überwiesen hatte. In einem jahrelangen Rechtsstreit mußte Karl Joel nach dem Krieg gar noch um sein Vermögen streiten.

Eine typisch deutsche Geschichte, die gerade deshalb so erschreckend ist, weil die Transaktion so unspektakulär geschäftsmäßig abgewickelt wird. Neckermann bezieht mit seiner Familie die Villa der Joels und übernimmt sogar einen großen Teil der Einrichtung. Seine Memoiren lesen sich dann auch streckenweise wie Rechtfertigungsversuche ohne jedwede Selbstzweifel. - Sprache ist verräterisch. "Um die Entwicklung meiner Betriebe brauchte ich mich im Moment nicht zu sorgen. Noch liefen sie wie geschmiert. Doch ich bin kein Mensch, der sich in Illusionen wiegt. Bewirtschaftung, Kontingentierung... du mußt dir etwas einfallen lassen, hielt ich mir immer wieder vor: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit!"

Während die Neckermanns mit der Zeit gehen und sich in der Joel-Villa häuslich einrichten, geht es bei der Familie Joel um Leben und Tod.

Während die Neckermanns mit der Zeit gehen und sich in der Joel-Villa häuslich einrichten, geht es bei der Familie Joel um Leben und Tod. Karl, Meta und Helmut Joel gelingt eine abenteuerliche Flucht über die Schweiz und England nach Kuba, nahe Verwandte von ihnen haben nicht so viel Glück. "Mein Onkel Leon war ein sehr religiöser Mann", erinnert sich Helmut Joel. "Im 1. Weltkrieg hat er einen Orden bekommen, das Eiserne Kreuz oder so etwas. Mir als Offizier tun sie nichts, sagte er immer. Und gerade ihn schickten sie nach Auschwitz. Gerade ihn."

Karl Joel hatte seinen Bruder Leon und dessen Familie nach Kuba nachkommen lassen wollen. Gegen gutes Geld bot die Karibik-Insel damals Verfolgten des Nazi-Regimes Asyl. Aber Leon Joel war ausgerechnet an Bord der "St.Louis", welche zu trauriger Berühmtheit gelangte, weil sie nach einer langen Irrfahrt zurück nach Europa geschickt wurde. Kuba und die USA hatten sich geweigert, die vielen Juden an Land zu lassen. Nicht nur im Hafen von Havanna kam es zu herzzerreißenden Szenen, als verzweifelte Menschen über Bord sprangen. In Frankreich wurde die Familie von Leon Joel schließlich geschnappt. Auch Helmut Joels Tante, Gerda Sampson aus Nürnberg, gelang es nicht, sich zu retten. Sie und ihre beiden Töchter sind in einem Konzentrationslager verschollen.

Die Ironie der Geschichte will es,
daß Helmut Joel das Kriegsende
als amerikanischer Soldat in seiner
alten Heimat erlebt.

Nach langer, zermürbender Wartezeit auf Kuba bekommen Karl, Meta und Helmut Joel schließlich doch noch ein Visum für die USA. Ruhigere Zeiten brechen damit allerdings noch immer nicht an. Helmut wird schon bald zur US Army eingezogen, seine Eltern schlagen sich mehr schlecht als recht in New York durch. Die Ironie der Geschichte will es, daß Helmut Joel das Kriegsende als amerikanischer Soldat in seiner alten Heimat erlebt. So kommt er auch ins zerbombte Nürnberg, wo von der Wäschemanufaktur des Vaters nur noch der Schornstein steht.

1945 kehrt Helmut Joel, der sich nun Howard nennt, nach New York zurück und wird von der Armee ausgemustert. Er macht eine Ausbildung zum Fernsehtechniker, weil die für ehemalige Armeeangehörige kostenlos ist. 1947 heiratet er ein Mädchen aus Brooklyn, und im selben Jahr kommt auch Tochter Judith-Anne zur Welt. Zwei Jahre später, am 9. Mai 1949, wird William Martin geboren, der später als Billy Joel berühmt werden soll. "Ich bin in einem Ort namens Levitown aufgewachsen, am Rande New Yorks", erklärt Billy Joel. "Es war die erste Sozialsiedlung überhaupt: kleine Häuschen, die sich die ehemaligen Soldaten nach dem Krieg leisten konnten. Ich lebte mit Nachbarn aus Brooklyn, der Bronx und Queens - Italiener, Iren, ein paar Juden und einige Deutsche darunter."

"Natürlich gibt es in Amerika Vorurteile genau wie anderswo auch." (Billy Joel)

Toleranz lernte man in dieser multikulturellen Umgebung ganz automatisch. In der Schule wählte Billy Deutsch als Fremdsprache, eine religiöse Erziehung im strengeren Sinn aber bekam er in seinem liberalen Elternhaus nicht. Dennoch lernte er bereits als Kind, daß es etwas Besonderes ist, Jude zu sein. Dazu fallen ihm Anekdoten ein: "Natürlich gibt es in Amerika Vorurteile genau wie anderswo auch. Ein Mädchen sagte mir, als sie erfuhr, daß ich Jude bin: 'Dir werden Hörner wachsen.' Und eine Zeitlang habe ich das sogar geglaubt. Ich kann mich auch an einen italienischen Jungen erinnern, der sagte: 'Joel, Du hast Christus getötet.' Und ich sagte: 'Ich habe gar nichts getan.' 'Du hast Christus umgebracht, und dafür werde ich Dir den Arsch versohlen.' Und dann hat er mich regelmäßig verhauen. So begriff ich schon früh, was es heißt, Jude zu sein."

Die Joels waren eine musikalische Familie, das Klavierspielen gehörte nicht nur zum guten Ton, sondern zum Alltag. Das Spielen lernte Billy mit fünf Jahren auf dem Schoß des Vaters. Bevor Helmut Joel seine Karriere als Fernsehingenieur bei dem US-Konzern General Electric begann, hatte er selbst eine Zeitlang mit dem Gedanken geliebäugelt, Profimusiker zu werden. Er spielte zwar in verschiedenen Jazzbands, aber dann schien ihm das Risiko zu groß. Und etwas erleichterte ihm die Entscheidung: Er litt unter entsetzlichem Lampenfieber, sobald mehr als zwei Zuhörer im Raum waren. Also machte Helmut Joel die Musik zu seinem Hobby. Und früh erkannte und förderte er auch das Talent seines Sohnes, der sich schon bald mehr für die Musik als für die Schule interessierte. "er hat als Teenager immer wieder den Unterricht geschwänzt, weil er nachts Musik gemacht hat und morgens nicht aus dem Bett kam", erinnert sich der Vater. "Bei diesen nächtlichen Auftritten hat er nicht viel verdient, aber die Kunst des Improvisierens gelernt."

Der autobiographisch gefärbte "Piano Man"-Song bedeutet für Billy Joel nach all den anstrengenden Jahren als Barpianist den künstlerischen Durchbruch. Und in dieser Zeit, Anfang der 70er Jahre, begegnete er in Europa auch seinem Vater wieder, den er jahrelang aus den Augen verloren hatte. Denn Helmut Joels erste Ehe war gescheitert, er verließ seine Familie, flüchtete sich in die Arbeit und reiste als Manager für General Electric um die halbe Welt. In Europa heiratete er dann zum zweiten Mal, diesmal eine Engländerin. Ihr gemeinsamer Sohn Alexander kam 1971 zur Welt.

Und auch der strebt eine Karriere als Musiker an. Allerdings nicht in der Popmusik, sondern im klassischen Bereich: Am Wiener Konservatorium wird Alexander Joel zum Dirigenten ausgebildet. Über die Beziehung zu seinem Halbbruder sagt er: "Ich habe ihn eigentlich erst in den letzten Jahren richtig kennengelernt. Er ist ja als Amerikaner aufgewachsen, und ich lebe in Europa. Trotzdem sind wir uns in vieler Hinsicht sehr ähnlich."

"Ich frage mich, warum ich nur deutsche Komponisten liebe. Es existiert da wohl etwas in der deutschen Seele, das sich am besten durch Musik ausdrücken läßt." (Billy Joel)

Auch Billy Joel, der in seinen Songs immer wieder Amerika zwischen Traum und Alptraum beschreibt, ist von klassischer Musik fasziniert. "Alle meine Lieblingskomponisten sind Deutsche: Bach, Beethoven, Bruckner, Schuhmann, Schubert. Ich frage mich, warum ich nur deutsche Komponisten liebe. Es existiert da wohl etwas in der deutschen Seele, das sich am besten durch Musik ausdrücken läßt. Ich weiß nicht genau, was es ist, aber mein Vater hat es, mein Bruder hat es und ich habe es. Das ist mein persönlicher deutscher Hintergrund."

Billy Joel, der vom Vater neben den Glubschaugen und der untersetzten Statur auch den trockenen Humor geerbt hat, kommt mit gemischten Gefühlen in die Heimat seiner Vorfahren, doch Ressentiments hat er nicht: "Ich halte den Söhnen und Töchtern nicht die Sünden der Väter vor. Ich will genauso wenig für die Fehler der früheren Generation verantwortlich gemacht werden. Aber ich möchte die Fehler nicht wiederholen und daher meine Geschichte kennenlernen."

Auch Helmut Joel, der Nürnberg als Kind mit seinen Eltern verlassen mußte, hat sich mit der Vergangenheit ausgesöhnt. "Meine Eltern sind 1964 nach Nürnberg zurückgekehrt. Das war für mich ein Signal, daß die Sache vorüber ist." Ende gut, alles gut? "Ich bin zufrieden", sagt Helmut Joel, "warum sollte ich mit dem Schicksal hadern? Ich habe gute und schlechte Zeiten erlebt. Ein bisschen Glück gehört natürlich dazu."

Der 73jährige lebt heute als Rentner in Wien, nachdem er ein Leben lang unterwegs war. Zu Hause fühlt er sich überall und nirgends. Und seine musikalischen Träume verwirklichen nun die beiden Söhne - der eine im populären, der andere im klassischen Bereich. Alexander schließt demnächst sein Studium ab. Und Billy hat nach der zweijährigen "River Of Dreams"- Welttournee eine Denkpause eingelegt: "Ich bin an dem Punkt meines Lebens angelangt, wo ich etwas anderes machen will als Popmusik. Ich würde gern Musicals und Orchesterwerke schreiben und nicht mehr so oft auftreten wie bisher." Der Vater jedenfalls ist stolz auf seinen berühmten Sohn: "Er tut das, was er immer machen wollte, und verdient einen Haufen Geld. Sein Beruf macht ihm Spaß. Und das freut mich."

"Mein Dad sagt: 'Du hättest in Europa aufwachsen sollen, dann wärest Du jetzt ein besserer Musiker'", grinst Billy. "Ich denke schon, daß ich kompetent bin. Ich kann Musik schreiben, ich kann Texte schreiben und ich weiß, wie man auftritt. Und im Zeitalter der Inkompetenz macht mich das außerordentlich. Davon bin ich fest überzeugt, und das ist nicht etwa Größenwahn!"

Quelle: Rolling Stone, März 1996, S. 62-67
(Die Ausgabe ist laut rollingstone.de leider nicht mehr über den Verlag beziehbar.)

Vielen Dank an Andreas Donhauser, der den Beitrag freundlicherweise zur Verfügung stellte.
www.rollingstone.de

Billy Joel im Juni 1995 bei seinem Auftritt in der Nürnberger Meistersingerhalle

Billy Joel (links) mit seinem Vater Helmut und Bruder Alexander, Nürnberg 1995.

Billy Joel und sein Vater Helmut/Howard Joel im Juni 1995 in der Nürnberger Meistersingerhalle